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Erstes Wiedersehen mit Marcel Rapp: Vorteil für St. Pauli oder Chance für Holstein?

Gepostet am 11. August 2026 von Florian Gutknecht
HerrenVerein

Wenn Marcel Rapp am Freitagabend wieder das Holstein-Stadion betritt, wird sich vieles vertraut anfühlen und gleichzeitig doch völlig anders sein. Über Jahre gehörte Rapp fest zur KSV, führte Holstein Kiel 2024 erstmals in die Bundesliga und prägte eine Mannschaft, die sich unter ihm sportlich enorm entwickelte. Nun kehrt er bereits wenige Monate nach seinem Abschied zurück, allerdings nicht mehr als Trainer der Störche, sondern als Verantwortlicher des FC St. Pauli. Dass dieses Wiedersehen so früh in der neuen Saison stattfindet, macht die Partie noch interessanter, denn Rapp trifft auf zahlreiche Spieler, mit denen er selbst lange gearbeitet hat, während Holstein inzwischen unter Tim Walter eine deutlich veränderte sportliche Richtung eingeschlagen hat. Aus Kieler Sicht stellt sich deshalb zwangsläufig die Frage, ob Rapps detailliertes Wissen über Mannschaft und Spieler tatsächlich einen entscheidenden Vorteil für St. Pauli darstellt oder ob dieses Wissen inzwischen sogar weniger wert ist, als man zunächst vermuten könnte.

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Rapp kennt viele Kieler Spieler bis ins Detail

Natürlich kennt Marcel Rapp Holstein Kiel besser als nahezu jeder andere gegnerische Trainer. Er weiß aus jahrelanger täglicher Arbeit, welche Stärken einzelne Spieler besitzen, wie sie sich unter Druck verhalten und welche Lösungen sie bevorzugen, wenn ein Gegner aggressiv anläuft. Ein Trainer, der einen Spieler ausschließlich aus Videoanalysen kennt, sieht bestimmte Bewegungen, Passmuster oder Zweikampfverhalten, während Rapp bei vielen Kielern auch die kleinen Details aus dem Training kennt. Er weiß, welcher Verteidiger lieber früh aus der letzten Linie herausschiebt, welcher Mittelfeldspieler in engen Situationen aufdrehen möchte und wer bei gegnerischem Druck eher den sicheren Rückpass sucht. Gerade bei Spielern, die schon länger in Kiel sind, dürfte Rapp deshalb ziemlich genau wissen, welche Situationen er mit seiner neuen Mannschaft provozieren möchte.

Doch Holstein ist nicht mehr die Mannschaft aus Rapps Zeit

Darin liegt ohne Zweifel ein Vorteil, allerdings wäre es zu einfach, daraus automatisch abzuleiten, dass St. Pauli deshalb taktisch einen Schritt voraus ist. Holstein Kiel spielt inzwischen nicht mehr den Fußball, den Rapp selbst hier über mehrere Jahre aufgebaut hat. Seit Tim Walters Rückkehr haben sich Strukturen, Laufwege und vor allem die Interpretation des eigenen Ballbesitzes verändert. Walter möchte seine Mannschaft mutig aufbauen lassen, Gegner durch kurze Kombinationen aus ihren Positionen ziehen und anschließend die entstehenden Räume konsequent bespielen. Dabei sollen Spieler wesentlich freier agieren, Positionen tauschen und immer wieder überraschende Bewegungen zwischen den Linien anbieten. Das bedeutet, dass Rapp zwar sehr genau weiß, welche individuellen Eigenschaften beispielsweise ein David Zec, Phil Harres oder Kasper Davidsen besitzt, aber nicht automatisch jede neue Aufgabe kennt, die diese Spieler inzwischen innerhalb von Walters System erfüllen.

Neue Spieler verändern auch die alten Abläufe

Gerade darin könnte für Holstein ein entscheidender Vorteil liegen. Rapp besitzt sehr viel Wissen über die Vergangenheit, während Walter gleichzeitig versucht, aus vielen bekannten Spielern eine neue Mannschaft mit anderen Abläufen zu formen. Dazu kommen mehrere Neuzugänge, mit denen Rapp in Kiel überhaupt nicht gearbeitet hat und deren Einbindung in das aktuelle System für ihn nur anhand der bisherigen Spiele und der Vorbereitung analysierbar ist. Guillermo Balzi ist dafür wahrscheinlich das beste Beispiel. Der Argentinier hat schon bei seinem ersten Ligaspiel in Darmstadt angedeutet, welchen Einfluss er auf das Kieler Offensivspiel haben kann, weil er ständig Räume zwischen den gegnerischen Linien sucht, den Ball fordert und nach Ballannahmen sehr schnell den Weg nach vorne sucht. Solche neuen Elemente verändern zwangsläufig auch die Aufgaben der bekannten Spieler, denn ein Phil Harres kann plötzlich andere Laufwege wählen, wenn Balzi hinter ihm Räume besetzt, und auch das Kieler Mittelfeld kann sich anders positionieren, wenn ein zusätzlicher kreativer Spieler ständig zwischen Zentrum und Halbraum pendelt.

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Rapps Wissen kann wertvoll sein – aber auch veraltet

Genau diese Veränderung macht das Wiedersehen taktisch so interessant. Marcel Rapp kennt sicherlich zahlreiche Verhaltensweisen der Kieler Spieler, doch er muss gleichzeitig damit rechnen, dass sich deren Aufgaben inzwischen verändert haben. Ein Trainer kann einen Innenverteidiger jahrelang trainiert haben und trotzdem überrascht werden, wenn dieser plötzlich in einem anderen Aufbauprinzip agiert oder andere Räume besetzen soll. Gleiches gilt für die Außenspieler, das zentrale Mittelfeld und die Offensive. Wenn Holstein am Freitag genau die Abläufe zeigt, die Rapp noch aus seiner eigenen Zeit kennt, dürfte St. Pauli darauf sehr gut vorbereitet sein. Gelingt es Walter dagegen, seine Mannschaft variabel und schwer vorhersehbar auftreten zu lassen, könnte ein Teil von Rapps Wissen sogar ins Leere laufen.

Auch Holstein kennt Marcel Rapp sehr genau

Hinzu kommt, dass dieses gegenseitige Wissen nicht nur auf einer Seite vorhanden ist. Marcel Rapp kennt Holstein Kiel sehr gut, aber Holstein Kiel kennt eben auch Marcel Rapp. Viele Spieler wissen noch ganz genau, welche Prinzipien ihrem ehemaligen Trainer wichtig sind, wie er Mannschaften gegen den Ball organisieren möchte und welche Lösungen er im eigenen Ballbesitz bevorzugt. Auch Teile des Kieler Trainerumfeldes haben lange mit ihm zusammengearbeitet und kennen seine Vorstellungen aus nächster Nähe. Dadurch entsteht eine ungewöhnliche Situation, in der beide Seiten deutlich mehr Informationen über den Gegner besitzen als vor einem gewöhnlichen Ligaspiel. Entscheidend wird deshalb weniger sein, wer mehr über den anderen weiß, sondern wer es schafft, dieses Wissen besser zu nutzen und gleichzeitig eigene Überraschungen einzubauen.

Darmstadt liefert Rapp reichlich Anschauungsmaterial

Für Holstein dürfte dabei besonders wichtig sein, aus dem Saisonauftakt in Darmstadt die richtigen Schlüsse zu ziehen. Über weite Strecken hatte Kiel die Partie unter Kontrolle und führte verdient mit 2:0, verlor anschließend jedoch zunehmend die Ordnung und ließ den Gegner zurückkommen. Gerade ein Trainer wie Marcel Rapp wird solche Phasen sehr genau analysieren und versuchen, seine neue Mannschaft auf genau diese Momente vorzubereiten. Wenn Holstein im Spielaufbau unsauber wird oder nach Ballverlusten zu große Räume zwischen Mittelfeld und Defensive entstehen, wird St. Pauli versuchen, diese Situationen konsequent zu nutzen. Rapp kennt viele der Kieler Spieler gut genug, um einschätzen zu können, wer unter Druck zu riskanten Entscheidungen neigt und in welchen Bereichen Holstein verwundbar werden kann.

St. Paulis Spielweise könnte Holstein gleichzeitig entgegenkommen

Auf der anderen Seite könnte gerade St. Paulis eigener Spielstil Räume bieten, die Holstein entgegenkommen. Rapp hat auch bei seinem neuen Verein klare Vorstellungen davon, wie seine Mannschaft Spiele kontrollieren soll, und versucht, mit Ballbesitz und strukturiertem Aufbau Einfluss auf die Begegnung zu nehmen. Wenn St. Pauli dabei viele Spieler nach vorne schiebt, entstehen zwangsläufig Räume hinter der ersten Pressinglinie und teilweise auch hinter den Außenspielern. Genau dort besitzt Holstein inzwischen mehrere schnelle und technisch starke Spieler, die nach Ballgewinnen gefährlich werden können. Mit Balzi, Adrián Kaprálik, Alexander Bernhardsson oder Faride Alidou verfügt Walter über genügend Tempo, um solche Situationen auszunutzen, vorausgesetzt die KSV schafft es, den ersten Druck sauber zu überspielen und anschließend schnell in die offenen Räume zu kommen.

Ein emotionales Wiedersehen mit besonderer Geschichte

Neben der taktischen Ebene wird dieses Spiel natürlich auch emotional etwas Besonderes sein. Marcel Rapp ist schließlich nicht irgendein ehemaliger Trainer, der nur für eine kurze Zeit an der Förde gearbeitet hat. Mit ihm verbindet Holstein Kiel einen der größten sportlichen Momente der Vereinsgeschichte, denn unter seiner Leitung gelang 2024 erstmals der Aufstieg in die Bundesliga. Auch wenn seine Zeit in Kiel einige Monate später sportlich schwierig endete, bleibt dieser Erfolg untrennbar mit seinem Namen verbunden. Deshalb wird es sicherlich einen besonderen Moment geben, wenn er erstmals wieder vor den Kieler Fans steht. Sobald der Ball rollt, dürfte diese Vergangenheit allerdings schnell in den Hintergrund treten, denn dann geht es für Holstein darum, die ersten drei Punkte der neuen Saison einzufahren und gleichzeitig zu zeigen, dass sich die Mannschaft unter Walter weiterentwickelt.

Vielleicht kommt das Wiedersehen sogar zum richtigen Zeitpunkt

Vielleicht ist es für Holstein sogar von Vorteil, dass dieses Wiedersehen bereits so früh in der Saison stattfindet. St. Pauli befindet sich selbst noch in einer Phase, in der Rapps Ideen nicht vollständig automatisiert sein können. Ein neuer Trainer benötigt Zeit, bis alle Laufwege, Pressingmechanismen und Positionswechsel selbstverständlich funktionieren, und genau dasselbe gilt auch für Holstein unter Walter. Beide Mannschaften befinden sich deshalb noch in einem Entwicklungsprozess, wodurch das Spiel möglicherweise weniger berechenbar wird, als es zu einem späteren Zeitpunkt der Saison der Fall wäre. Wenn beide Trainer ihre Systeme vollständig etabliert hätten, könnte Rapps Wissen über Holstein noch wertvoller sein, weil er dann sehr gezielt an bestimmten Details arbeiten könnte. Jetzt dagegen gibt es auf beiden Seiten noch viele neue Abläufe und personelle Veränderungen.

Am Ende zählt nicht das alte Wissen, sondern die aktuelle Entwicklung

Für mich ist Marcel Rapps Kenntnis über Holstein deshalb zwar ein Faktor, aber keineswegs der große Vorteil, als der er im ersten Moment erscheinen könnte. Er kennt viele Spieler und wird genau wissen, welche individuellen Stärken und Schwächen sie besitzen, doch er trifft nicht mehr auf dieselbe Mannschaft, die er vor wenigen Monaten verlassen hat. Tim Walter hat begonnen, Holstein taktisch zu verändern, neue Spieler bringen andere Qualitäten in die Mannschaft und selbst bekannte Akteure übernehmen inzwischen teilweise neue Aufgaben. Gleichzeitig kennt die Kieler Seite Rapps Fußball ebenfalls sehr genau und dürfte sich deshalb kaum von grundsätzlichen taktischen Ideen überraschen lassen.

Am Ende könnte dieses Spiel deshalb weniger davon entschieden werden, wer den anderen besser kennt, sondern welche Mannschaft es schafft, sich trotz dieses gegenseitigen Wissens überraschender und variabler zu präsentieren. Wenn Holstein mutig auftritt, die eigenen neuen Möglichkeiten konsequent nutzt und St. Pauli nicht durch unnötige Ballverluste in gefährliche Situationen bringt, muss das Wiedersehen mit Marcel Rapp aus Kieler Sicht keineswegs ein Nachteil sein. Vielleicht wird sogar genau dieses Spiel zeigen, wie weit sich Holstein seit seinem Abschied bereits verändert hat und ob Walter es schafft, aus einer Mannschaft mit vielen bekannten Gesichtern ein Team zu formen, das für seinen ehemaligen Trainer eben doch nicht mehr so leicht zu lesen ist.

Und bei aller Wertschätzung für das, was Marcel Rapp mit der KSV erreicht hat, darf er bei seiner ersten Rückkehr an den Westring gerne erleben, wie unangenehm dieses Stadion sein kann, wenn man plötzlich auf der anderen Seite steht.

In diesem Sinne, nur die KSV! 💙🤍❤️

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Florian Gutknecht

Autor der Holstein Community.

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