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Hat Holstein Kiel weiterhin ein Abwehrproblem? Das eigentliche Risiko steckt tiefer

Gepostet am 10. August 2026 von Mike Hoffmann
HerrenVerein

Eine 2:0-Führung auswärts bei Darmstadt 98, über weite Strecken wenig zugelassen – und trotzdem steht am Ende nur ein 2:2 auf der Anzeigetafel. Als Holstein-Fan kennt man nach solchen Spielen die Diskussion fast schon automatisch: Ist unsere Abwehr immer noch nicht stabil genug?

Nach dem Saisonauftakt am Böllenfalltor kann man diese Frage durchaus stellen. Aber wer sich die Gegentore und vor allem deren Entstehung genauer anschaut, kommt aus meiner Sicht zu einem etwas anderen Ergebnis. Holstein hat nicht unbedingt ein klassisches Abwehrproblem. Die KSV hat momentan vielmehr ein Problem damit, in bestimmten Spielsituationen die richtige Entscheidung zu treffen und die eigene defensive Ordnung nach Ballverlusten aufrechtzuerhalten.

Und genau dieser Unterschied ist wichtig.

75 Minuten lang funktionierte die Kieler Defensive

Wenn eine Mannschaft zwei Gegentore kassiert, ist schnell von einer schlechten Abwehr die Rede. Das Spiel in Darmstadt liefert dafür allerdings nur bedingt Argumente.

Holstein ließ den Gegner zwar zwischenzeitlich kommen, verteidigte über große Teile der Begegnung aber ordentlich. Der NDR beschreibt beispielsweise, dass Darmstadt nach Wiederbeginn rund eine halbe Stunde lang praktisch keine gefährlichen Möglichkeiten bekam. Bereits vor der Pause hatte sich Kiel nach einer etwas unruhigen Phase wieder stabilisiert.

Auch Phil Harres hatte nach dem Spiel einen ähnlichen Eindruck. Aus seiner Sicht hatte Holstein vorher kaum etwas zugelassen, ehe Darmstadt einmal zu viel Raum im Zentrum bekam.

Das passt auch zu Tim Walters Einschätzung. Der Trainer sprach davon, dass seine Mannschaft rund 75 Minuten das gespielt habe, was er erwartet hatte.

Genau deshalb wäre es mir zu einfach, nach diesem Spiel grundsätzlich die Qualität der Kieler Innenverteidigung infrage zu stellen.

David Zec, Ivan Nekić und die Spieler auf den Außenbahnen hatten Darmstadt lange weitgehend unter Kontrolle. Gerade wenn Darmstadt versuchte, über längere Angriffe in gefährliche Räume zu gelangen, stand Holstein häufig ordentlich. Das große Problem entstand erst dann, als die Partie eigentlich längst in eine Phase gekommen war, in der Kiel sie nur noch kontrollieren musste.

Und dann wurde es unnötig hektisch.

Das 1:2 zeigt das eigentliche Problem

Besonders interessant ist das erste Darmstädter Tor.

In den Bildern der Zusammenfassung erkennt man weniger einen klassischen Fehler einer schlecht sortierten Viererkette als vielmehr eine Situation, die bereits deutlich früher kippt.

Holstein hat zunächst eine kontrollierbare Spielsituation. Trotzdem wird der Ball in einen Raum gespielt, in dem Darmstadt anschließend Dynamik aufnehmen kann. Kai Klefisch kann mit Ball durch das Zentrum marschieren, ehe die Ablage zu Hoe-Jae Lee kommt und dieser zum 1:2 trifft.

Tim Walter kritisierte genau diese Situation nach dem Spiel. Holstein habe den Ball sicher gehabt, bevor Ivan Nekić ihn in den Raum gespielt habe. Aus Walters Sicht hätte Kiel den Ball in dieser Phase schlicht behalten müssen.

Das klingt zunächst wie eine Kleinigkeit. Taktisch steckt darin aber viel.

Bei Walters Fußball ist Ballbesitz nicht nur ein offensives Mittel. Ballbesitz ist gleichzeitig Teil der Verteidigung.

Wenn Holstein den Ball kontrolliert und die Mannschaft richtig positioniert ist, kann der Gegner nicht angreifen. Wird der Ball allerdings in einer ungünstigen Situation verloren, verändert sich das Bild innerhalb weniger Sekunden.

Spieler stehen bereits für den nächsten Angriff auseinandergezogen. Die Außenverteidiger beziehungsweise Außenspieler befinden sich höher. Die Abstände im Zentrum können größer werden. Und plötzlich müssen die verbliebenen Spieler große Räume verteidigen.

Genau diese Momente sind gefährlich.

Das Problem ist dann nicht zwingend, dass ein Innenverteidiger einen Zweikampf verliert. Das Problem ist, dass dieser Zweikampf überhaupt in einer Situation geführt werden muss, in der der Gegner bereits Geschwindigkeit aufgenommen hat.

Kiels Restverteidigung bleibt ein entscheidendes Thema

Bei einer offensiv ausgerichteten Mannschaft spricht man häufig von der sogenannten Restverteidigung.

Gemeint sind die Spieler und Positionen, mit denen eine Mannschaft einen möglichen Konter absichert, während der Großteil des Teams angreift.

Je mutiger Holstein nach vorne spielt, desto wichtiger wird diese Absicherung.

Und genau hier liegt bei der KSV eine der taktischen Schlüsselstellen.

Wenn ein Spieler aus der letzten Linie nach vorne schiebt, muss dahinter jemand den Raum übernehmen. Wenn ein Außenverteidiger hoch steht, muss das Zentrum entsprechend verschieben. Und wenn ein Ball im Aufbau verloren geht, müssen die ersten Sekunden danach stimmen.

Passiert das nicht, entsteht kein klassisches Duell „Abwehr gegen Angriff“. Es entstehen Laufduelle mit großen freien Räumen.

Für jeden Innenverteidiger ist das unangenehm.

Das erklärt auch, warum die Bewertung einzelner Verteidiger manchmal härter ausfällt, als sie taktisch eigentlich sein müsste. Ein Innenverteidiger sieht am Ende schlecht aus, obwohl der entscheidende Fehler möglicherweise zehn Sekunden vorher und 30 Meter weiter vorne passiert ist.

Das zweite Gegentor ist dagegen tatsächlich ein Defensivthema

Beim 2:2 sieht die Sache etwas anders aus.

Darmstadt bekommt eine Ecke, Aleksandar Vukotic kommt zum Kopfball und erzielt den Ausgleich.

Bei Standards gibt es keine komplizierte Restverteidigung und keine große taktische Grundsatzdiskussion. Hier geht es um Zuordnung, Körperkontakt, Timing, Raumverteidigung und darum, den entscheidenden Kopfball zu verhindern.

Ein Gegentor nach einer Ecke kann immer passieren. Trotzdem darf man gerade in der 86. Minute bei einer Führung erwarten, dass eine Mannschaft in diesen Situationen maximal konzentriert verteidigt.

Und genau deshalb stört mich dieses Gegentor fast mehr als das erste.

Nicht weil es spektakulär schlecht verteidigt gewesen wäre, sondern weil Holstein zu diesem Zeitpunkt längst wusste, wohin sich das Spiel entwickelt hatte. Darmstadt war wieder da, das Stadion war da, der Gegner bekam Energie.

In solchen Situationen muss eine Mannschaft lernen, hässlich zu verteidigen.

Ball weg. Zweikampf gewinnen. Tempo rausnehmen. Standards vermeiden. Im Strafraum keinen Zentimeter verschenken.

Das gehört genauso zu einer guten Mannschaft wie gepflegter Spielaufbau.

Walter hat Holstein defensiv bereits verändert

Interessant ist dabei der Blick auf die vergangenen Monate.

Als Tim Walter Ende Februar zurück nach Kiel kam, wurde viel darüber gesprochen, ob wir wieder den berühmten extrem offensiven „Walter-Ball“ sehen würden. Genau das passierte zunächst aber nicht.

Der NDR beschrieb Walters Fußball während des erfolgreichen Endspurts der vergangenen Saison vielmehr als „kontrollierte Offensive“. Holstein agierte in einem sichereren taktischen Rahmen und stabilisierte dadurch seine Ergebnisse. Unter Walter holte die Mannschaft 17 Punkte aus dessen ersten neun Spielen und sicherte frühzeitig den Klassenerhalt.

Das ist ein wichtiger Punkt in der aktuellen Diskussion.

Denn es zeigt: Walter weiß durchaus, dass diese Mannschaft eine defensive Balance benötigt.

Holstein muss nicht permanent mit sieben Spielern vor dem Ball stehen. Die Mannschaft kann Spiele kontrollieren, ohne jeden Angriff mit maximalem Risiko auszuspielen.

Und eigentlich zeigte Darmstadt genau das über weite Strecken.

Das Problem begann erst, als Kiel diese Kontrolle verlor.

Es fehlt manchmal noch das Gefühl für die Spielsituation

Für mich ist das momentan der entscheidende Punkt.

Eine Mannschaft muss nicht in jeder Minute dasselbe Fußballspiel spielen.

Beim Stand von 0:0 darf ich vielleicht einen riskanten vertikalen Pass ausprobieren. Beim Stand von 2:0 nach 75 Minuten muss ich mir möglicherweise überlegen, ob dieser Pass überhaupt notwendig ist.

Walter formulierte es nach dem Spiel ziemlich deutlich: Holstein müsse lernen, wie man solche Spiele richtig zu Ende spielt.

Das ist eigentlich eine Aussage über Spielintelligenz.

Wann beschleunige ich?

Wann beruhige ich?

Wann spiele ich vertikal?

Wann drehe ich noch einmal ab?

Wann darf mein Außenverteidiger nach vorne gehen?

Wann bleiben lieber fünf Spieler hinter dem Ball?

Genau diese Entscheidungen unterscheiden eine Mannschaft, die gut spielt, von einer Mannschaft, die Spiele souverän gewinnt.

Holstein spielte in Darmstadt lange gut.

Souverän war Holstein am Ende nicht.

Die Qualität der einzelnen Verteidiger ist nicht das Hauptproblem

Deshalb würde ich nach dem ersten Spieltag auch noch nicht nach einem neuen Innenverteidiger schreien oder die komplette Abwehr infrage stellen.

Mit David Zec, Ivan Nekić, Marko Ivezić, Sebastian Schonlau, Hiroki Sekine und weiteren Optionen besitzt Walter unterschiedliche Spielertypen für seine Defensive. Der aktuelle Profikader weist diese Spieler entsprechend als Abwehrkräfte aus.

Gerade Zec bringt die nötige Körperlichkeit mit. Nekić kann im Aufbau helfen, muss aber genau bei diesen riskanten Pässen die Balance finden. Sekine bringt Dynamik auf der Seite. Mit Schonlau steht außerdem ein Spieler im Kader, der Walters Anforderungen und dessen Spiel mit Ball bereits kennt.

Die entscheidende Frage wird deshalb eher sein, wie schnell daraus eine defensive Einheit entsteht.

Denn gute Verteidigung beginnt nicht bei Zec oder Nekić.

Sie beginnt bei Harres.

Sie beginnt bei Balzi.

Sie beginnt bei Davidsen und Meffert.

Und sie beginnt bereits in dem Moment, in dem Holstein entscheidet, wie ein eigener Angriff aufgebaut wird.

Wenn vorne schlecht angelaufen wird, bekommt das Mittelfeld Probleme. Wenn das Mittelfeld zu spät verschiebt, bekommt die letzte Linie Probleme. Und wenn beim eigenen Ballbesitz die Abstände nicht stimmen, bekommt die komplette Mannschaft nach einem Ballverlust Probleme.

Defensive ist immer Mannschaftsarbeit.

Darmstadt war deshalb Warnung und Hoffnung zugleich

Das 2:2 hat mich als Holstein-Fan natürlich geärgert. Wenn du auswärts 2:0 führst und über weite Strecken die bessere Kontrolle über das Spiel besitzt, musst du normalerweise drei Punkte mit nach Kiel nehmen.

Jonas Meffert sagte anschließend selbst, dass die Mannschaft an diesem Ergebnis schuld gewesen sei und Darmstadt Holstein keineswegs an die Wand gespielt habe.

Genau darin steckt aber auch etwas Positives.

Wir reden nicht darüber, dass Holstein über 90 Minuten defensiv auseinandergefallen ist.

Wir reden über ungefähr eine Viertelstunde, in der die Mannschaft die Kontrolle über eine eigentlich entschiedene Partie verloren hat.

Das macht die Sache nicht weniger ärgerlich. Aber es macht sie korrigierbar.

Für mich lautet die Frage deshalb momentan nicht: Hat Holstein Kiel eine schlechte Abwehr?

Die wichtigere Frage lautet: Schafft es Holstein, Walters offensiven Fußball so abzusichern, dass eigene Fehler nicht sofort zu offenen Räumen und Gegentoren führen?

Darmstadt hat gezeigt, dass diese Balance über lange Phasen funktionieren kann.

Die letzten Minuten haben aber genauso deutlich gezeigt, dass sie noch nicht selbstverständlich ist.

Und genau daran wird sich entscheiden, ob wir in dieser Saison irgendwann wieder regelmäßig über verschenkte Führungen und unnötige Gegentore diskutieren – oder ob Holstein endlich lernt, solche Spiele einfach nach Hause zu bringen.

In diesem Sinne, nur die KSV! 💙🤍❤️

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Mike Hoffmann

Autor der Holstein Community.

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